Die Jahresarbeiten

Ein Jahr, ein Thema, viele Erfahrungen

I-Phone-Fotografie, Investmentbanking, Ernährung, elektronische Musik, Klettern und die Instandsetzung eines Audi TT – wer hier die Headlines für ein aktuelles Lifestyle-Magazine vor sich sieht, der darf umdenken. Vielmehr ist die Rede von den Jahresarbeiten der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Kaltenkirchen.

Worum es bei den Jahresarbeiten geht – hier ein kleiner Überblick:
Jeder Zwölftklässler erarbeitet eigenständig ein Jahr lang ein handwerklich-künstlerisches oder ein theoretisches Thema. Themenfindung, Ziele, Strategien inklusive des Praxisteils werden mit einer persönlichen Schlussbetrachtung schriftlich dokumentiert und sind ganz allein Aufgabe des Schülers. Die Jahresarbeit ist eine Projektarbeit und bietet ein großes Erfahrungsfeld für Eigeninitiative und selbständiges Arbeiten. Daher stehen die Jahresarbeiten zum Ende der zwölf Schuljahre im Lehrplan und sind Teil des Waldorfabschlusses.  Begleitet werden die Schüler auf ihrem individuellen Weg von einem Mentor.

Die Jahresarbeiten der Zwölftklässler wurden am 17. und 18. Januar 2019 der Öffentlichkeit präsentiert. Den Zuschauer erwartete bei den beiden Abendveranstaltungen eine bunte Themenvielfalt wie bspw. die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland, der Bau eines Bettes, Thaiboxen, Gedächtnistraining oder die Auseinandersetzung mit dem Rubikon (nach Steiner).

Auch, wenn es für einige Zwölftklässler am Anfang vielleicht  einfach „ein Thema“ gewesen sein mag, so schien es für die meisten viel mehr geworden zu sein. Die Jahresarbeit bietet die Möglichkeit einmal etwas ganz anderes zu machen als sonst, Neues zu erforschen, persönliche Visionen zu verwirklichen und zu prüfen. Auch die Beschäftigung mit einem Berufswunsch kann ein Motiv für die Jahresarbeit sein. Ob das eigene Thema die Schüler nun verändert, inspiriert oder evtl. auch ernüchtert hat – da zieht jeder der Zwölftklässler seine ganz eigene Bilanz. Doch eines hatten an diesem Abend alle gemeinsam. Sie haben ihr Thema ein Jahr lang gelebt. Jeder Einzelne von ihnen, der auf der Bühne stand, hat das Publikum mitgenommen. Mitgenommen auf eine ganz persönliche Reise, die neben der Erarbeitung von Fachkompetenz für viele noch viel mehr an Erfahrungen bereithielt.

Alexandra Loser widmete sich beispielsweise einem für sie völlig unbekanntem Themenfeld: Dem Klettern. „Die Jahresarbeit ist dazu da, um etwas Neues auszuprobieren“, erzählte sie. Schlussendlich bestand sie sogar die Kletterprüfung. Während sie auf der Bühne die Arten der Sicherung zeigte, fügte sie schmunzelnd hinzu: „Lieber Partnercheck, als Partner weg.“

Gesundheit & Bewegung stand bei vielen Zwölftklässlern auf dem Programm. Sechs Stunden Sport gehörten für Neil Materlik in Amerika zu seinem Tagespensum. Sport hat durch diese Erfahrung in seinem Leben eine ganz andere Bedeutung bekommen. Er beschäftigte sich in seiner Jahresarbeit mit den Unterschieden des deutschen und amerikanischen Schulsystems.

Für Tim Post stand schon in ganz jungen Jahren fest, dass er einen Trecker während seiner Jahresarbeit instand setzen wollte. Schlussendlich wurde aus dem Trecker doch ein Audi TT. Für die Realisierung eröffnete er ein Sponsoren-Konto für Verwandte. Mit Erfolg. Er verbrachte viel Zeit in der Werkstatt und erneuerte unter anderem die Zündanlage.

Digitale Fotografie war gleich für mehrere Schüler von großem Interesse. Eine von ihnen war Trine Zimmermann. Sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, eine außergewöhnliche Perspektive zu finden – das Ganze bearbeitet und fotografiert mit dem I-Phone. Bei Elias Möller standen Zahlen im Mittelpunkt. Er beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Finanzprodukten und absolvierte ein Praktikum bei der Deutschen Vermögensberatung in Hamburg.

In der Pause herrschte „Messe-Feeling“. Jeder Schüler hatte seinen eigenen Stand und erwartete das Publikum, um Fragen zu beantworten. Die Gespräche mit den Schülern zeigten deutlich, dass aus der anfänglichen Projekt-Idee und der Umsetzung viel mehr geworden ist. „Es sind sehr friedsame Tiere“, erzählte Joshua David, der sich mit der Imkerei und dem Bienensterben auseinandergesetzt  hatte. Die Jahresarbeit ist für ihn zwar beendet und doch geht es weiter: „Ich habe nun ein eigenes Volk im Garten“, berichtete er. Dieses Jahr steht die erste eigene Ernte an.

Einen LED-Würfel aus 512 LED’s zu bauen, hat Nick Reischke im praktischen Teil vor einige technische Herausforderungen gestellt. Doch genau darum geht es auch bei den Jahresarbeiten: mit Veränderungen umgehen, Hürden überwinden, trotzdem dranbleiben, sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Jahresarbeit ist eine Willensschulung und eine permanente Reflexion des eigenes Tuns.

Als Peer Behrens seine selbst komponierte elektronische Musik mit viel Bass und Beats abspielte, überraschte er so manch einen Zuschauer mit einer Mischung aus „Deep House“, „Drum and Bass“ und „Hardcore-Techno“. Aber das ist es gerade, was die Jahresarbeiten so unglaublich besonders macht. Hinter jedem Thema steht eine ganz  individuelle Entscheidung. So individuell wie jeder Einzelne von Ihnen ist. Und doch ging es bei den Präsentationen auch darum, gemeinsam etwas zu schaffen. Und so war ein großer Zusammenhalt innerhalb der Klasse spüren, wenn einer von ihnen die Bühne betrat. Es wurde mitgefiebert, unterstützt und gejubelt.

In den Präsentationen wird deutlich, dass es für viele ein besonderes Jahr war. So auch für Mürüvet Kocapinar. Sie beschäftigte sich in ihrer Jahresarbeit mit ihrer Familiengeschichte. 1970 ist ihre Familie aus der Türkei nach Kaltenkirchen gekommen. Sie berichtete von den Erfahrungen, die ihre Familie gemacht hat. Darüber wie unterschiedlich sie und ihr Vater ihre Schulzeit erlebt haben. „Mein Vater ist mit Rassismus in Kontakt gekommen.“ Sie hingegen habe in ihren 12 Jahren an der Waldorfschule eine total gegensätzliche Erfahrung gemacht. „Ich war hier nie anders.“

Was an diesem Abend zurückbleibt, ist zum einen ein Gefühl der Inspiration. Es wurde deutlich, was alles entstehen kann, wenn man einem Thema für ein Jahr Raum, eine Chance gibt. Zum anderen verlässt man den Abend uneingeschränkt beeindruckt. Beeindruckt von soviel tollen Ideen, Schaffenskraft, Begeisterung für die Sache und Zukunftsdenken. Wir sind gespannt, was wir von Euch noch so alles hören werden….

 

Redaktion: Lilly Mitterdiami
Fotos: Stefan Jörss

 

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